Wie konntest Du nur?

von Jim Willis, 2001, aus: Pom Reader 10/01

aus dem Amerikanischen übersetzt von G. Schönfeld

Als ich ein Welpe war, unterhielt ich Dich mit meinen Possen und brachte Dich zum Lachen.
Du nanntest mich Dein Baby und, abgesehen von einer Anzahl zerkauter Schuhe und ein paar
zerstückelten Sofakissen, wurde ich Dein bester Freund.
Wann immer ich etwas angestellt hatte, hast Du mit Deinem Zeigefinger gewackelt und gesagt:
"Wie konntest Du nur?" Aber dann hast Du dich erweichen lassen und mir statt dessen
mein Bäuchlein gekrault.

Meine Stubenreinheit hat etwas länger gedauert als erwartet, denn Du warst schrecklich beschäftigt,
wir arbeiteten daran gemeinsam. Ich erinnere mich an jene Nächte,
in denen ich meine Schnauze im Bett an Dich schmiegte und dabei
Deinen vertrauten und geheimen Träumen lauschte,
und ich glaubte, das Leben könnte nicht perfekter sein.
Wir machten lange Spaziergänge im Park und Autoausflüge mit Pausen für ein Eiskrem
(ich bekam die Tüte, "weil Eiskrem schlecht ist für Hunde", wie Du sagtest).
Und ich machte lange Nickerchen in der Sonne, auf Dich am Ende eines langen Arbeitstages wartend.

So nach und nach hast Du immer mehr Zeit Deinem Beruf und Deiner Karriere gewidmet sowie der Suche
nach einer Ehefrau. Ich habe geduldig auf Dich gewartet, Dich getröstet,
wenn Du Liebeskummer und Enttäuschungen hattest,
habe niemals Deine Entscheidungen kritisiert und ausgelassen herumgetollt,
wenn Du nach Hause gekommen bist und als Du Dich verliebtest. Sie,
nunmehr Deine Frau, ist kein "Hunde-Mensch",
jedoch hieß ich sie in unserem Heim willkommen und versuchte,
ihr meine Liebe zu zeigen und ihr zu gehorchen.

Ich war glücklich, weil Du glücklich warst.
Dann kamen die zweibeinigen Babies, und ich teilte Deine Aufregung.
Ich war fasziniert von ihrer Rosigkeit, ihrem Geruch und wollte sie zu gern auch bemuttern.
Jedoch sorgtet Ihr Euch, dass ich ihnen weh tun könnte, und ich verbrachte die meiste Zeit
verbannt in einem anderen Raum oder einem Käfig.
Oh, wie sehr wollte ich ihnen meine Zuneigung zeigen,
jedoch wurde ich eine "Gefangene der Liebe"

Als sie größer wurden, wurde ich ihre Freundin.
Sie klammerten sich an mein Fell und zogen sich daran hoch auf ihren wackligen Beinchen,
bohrten ihre Fingerchen in meine Augen, untersuchten meine Ohren und gaben mir Küsse auf meine Nase.
Ich liebte alles an ihnen und ihre Berührungen - weil Deine Berührungen nun so selten geworden waren -
und ich hätte sie mit meinem Leben verteidigt, wenn die Notwendigkeit bestanden hätte.
Ich schlich mich in ihre Bettchen und lauschte ihren Ängsten und Träumen, zusammen warteten
wir auf das Geräusch Deines Wagens in der Einfahrt.

Es gab einmal eine Zeit, da hast Du, wenn Du gefragt wurdest, ob Du einen Hund hättest,
mein Foto gezeigt und Geschichten über mich erzählt.
Die letzten Jahre sagtest Du nur "Ja" und hast das Thema gewechselt.
Ich wurde von "Deinem Hund" zu "irgendeinem Hund",
und Du warst über jegliche Ausgabe für mich verärgert.

Nun hast Du ein tolles Job-Angebot in einer anderen Stadt bekommen,
und Du und die Familie wird umziehen in ein Apartment, in dem keine Hunde erlaubt sind.
Du hast die richtige Entscheidung für "Deine Familie" getroffen, aber ich erinnere mich an eine Zeit,
da war ich Deine einzige Familie.

Ich war aufgeregt wegen der Autofahrt, bis wir im Tierheim ankamen.
Es roch nach Katzen und nach Hunden, nach Angst, nach Hoffnungslosigkeit.
Du hast die Formulare ausgefüllt und sagtest
"Ich weiß, Sie werden ein gutes Zuhause für sie finden".
Sie zuckten mit den Achseln und sahen Dich schmerzerfüllt an.
Sie sahen die Wahrheit hinsichtlich eines erwachsenen Hundes mittleren Alters,
auch "mit Papieren".

Du mußtest die Finger Deines Sohnes von meinem Halsband einzeln lösen,
als  er schrie "Nein Papa, laß sie nicht meinen Hund nehmen!",
und mich quälte die Vorstellung, welche Lektionen Du ihn über Freundschaft und Loyalität lehrst,
über Liebe und Verantwortung und über Respekt für jegliches Leben.
Du gabst mir einen Lebewohl-Klaps auf den Kopf, jeden Blick in meine Augen meidend,
und hast höflich auf die Herausgabe meines Halsbandes und meiner Leine verzichtet.

Du hättest einen unaufschiebbaren Termin, sagtest Du, und nun habe ich auch einen.
Nachdem Du gegangen warst, sagten die beiden netten Damen hier,
Du hättest seit Monaten von Deinem Umzug gewußt und keinerlei Versuch gemacht,
ein anderes Zuhause für mich zu finden.
Sie schüttelten ihre Köpfe und sagten: "Wie konnte er nur?"

Sie sind aufmerksam zu uns hier im Tierheim, wie es ihr Tagesablauf erlaubt.
Natürlich füttern sie uns, jedoch verlor ich meinen Appetit vor Tagen.
Zuerst, wann immer jemand an meinem Käfig vorbeiging, eilte ich nach vorn in der Hoffnung,
Du seiest es - dass Du Deine Meinung geändert hast... oder es irgend jemand sei,
der mich retten wollte.

Als mir klar wurde, dass ich nicht mit den nach Aufmerksamkeit heischenden, herumtollenden,
zutraulichen Welpen - blind für ihr Schicksal -  konkurrieren konnte,
zog ich mich in eine entfernte Ecke zurück und wartete.
Dann hörte ich ihre Schritte, als sie zu mir kam am Ende des Tages, und ich trottete hinter ihr her
an den Käfigen vorbei zu einem separaten Raum.
Ein wunderbar ruhiger Raum. Sie setzte mich auf den Tisch und rieb meine Augen und sagte mir,
ich sollte keine Angst haben.

Mein Herz hämmerte in der Vorahnung, was kommen würde, aber da war auch eine Art Erleichterung.
Die Tage der "Gefangenen der Liebe" nahten ihrem Ende.
So, wie ich nun einmal war, machte ich mir mehr Sorgen um sie.
Die Bürde, die sie trug, wog schwer für sie, und ich wußte das, so wie ich
jede Eurer Regungen erkenne.

Sie legte sanft eine Gummischnur um mein Vorderbein, als eine Träne ihre Wange hinunterlief.
Ich leckte ihre Hand auf die gleiche Art und Weise, die Dir so lange Zeit zum Trost gereichte.
Dann führte sie geschickt die Nadel in meine Vene ein.
Ich fühlte den Stachel und die kühle Flüssigkeit, die in meinen Körper strömte.
Ich sank schläfrig zusammen und schaute in ihre freundlichen Augen und murmelte
"Wie konntest Du nur?".

Vielleicht verstand sie meine Hundesprache, denn sie sagte:
"Es tut mir so leid."
Sie umarmte mich, dann erklärte sie schnell, dass es ihr Job sei sicherzustellen,
dass ich zu einem besseren Platz käme, wo ich nicht ignoriert, mißbraucht oder abgetan werden konnte
und an dem ich nicht für mich selbst einstehen mußte - ein Platz der Liebe und des Lichtes,
so verschieden von diesem irdischen Dasein.

Mit meinem letzten bißchen Kraft versuchte ich sie mit einem zaghaften Wedeln zu überzeugen,
dass meine Frage "Wie konntest Du nur?" nicht an sie gerichtet war.
Du warst es, mein geliebtes Herrchen, an den ich dachte.
Ich werde für immer an Dich denken und auf Dich warten.
Möge jedermann in Deinem Leben Dir soviel Loyalität erweisen.

ENDE